Ars moriendi

Literatur als Weg in der Lebens- und Sterbebegleitung

A.Th.R. Klärner

Beschreibung
Über den Autor
Rezensionen
6. März 2007

 

 

Was ist eine ars moriendi? Wann, wo und vor allem warum entstand sie? Anne Klärner erklärt die Grundlagen und die daraus entstandene Sterbebuchliteratur. Darauf aufbauend versucht Sie erstmals anhand von ausgesuchten Werken aus Literatur, Philosophie und Theologie nach der Trag- und Reichweite von darin reflektierten Todesverständnissen für den Umgang mit Schwerst- und Sterbenskranken zu fragen.

 

Anne Klärner bleibt hier nicht stehen, sondern Sie stellt die Frage, ob die Literatur der ars moriendi in der Begleitung hilfreich eingesetzt werden kann und gibt zudem Anregungen, mit Hilfe der vorgestellten literarischen Texte Gestaltungsmöglichkeiten der Sterbebegleitung zu erweitern.

106 Seiten, geb.

Wuppertal 2007

Anne T.R. Klärner, geb. 1977 in Viersen/Niederrhein, Studium der Germanistik, Philosophie und Kath. Theologie in Aachen, Duisburg und Bonn, seit 2007 am Gymnasium Ursulinenschule in Bornheim/Hersel tätig.

Hans Goldbrunner. Rezension vom 09.04.2008 zu: Anne Th. R. Klärner: Die Lebenskunst der ars moriendi

Einführung
Im Zug der Wiederbesinnung auf Tod und Sterben ist neben vielen anderen Bestrebungen auch ein Rückgriff auf die ars moriendi zu beobachten, die Kunst, das Sterben in das menschliche Leben zu integrieren, welche in den bewegten Zeiten des Spätmittelalter in Hochblüte stand und vor allem der Absicht diente, die Begrenztheit des menschlichen Lebens nicht aus dem Auge zu verlieren. In diese Richtung zielen bereits zahlreiche theoretische Diskussionsbeiträge und erzählende Werke mit teilweise autobiografischem Hintergrund sowie Gedichtsammlungen, die vor allem auf Internetseiten zum Thema Tod und Trauer zu finden sind. Sie werden von Sterbebegleitern und auf Trauerveranstaltungen als Hilfsmittel zur Darstellung und Bewältigung des Schmerzes gern eingesetzt. Anne Klärner greift diese neu entstehende Tradition auf und vertieft sie durch philosophische und theologische Überlegungen.

Aufbau und Inhalt
Zunächst greift die Autorin auf die spätmittelalterliche Tradition der ars moriendi zurück und begründet die neue, von der Dichtung getragene Bewegung mit der Auffassung, dass die Literatur dazu beitrage, den Tod aus der Sprachlosigkeit und der sozialen Verdrängung zu befreien, indem sie die Verarbeitung des Sterbens durch den Dichter in Worte fasse, die Leser zur eigenen Auseinandersetzung anrege.

Im zweiten Teil werden drei Autoren exemplarisch herausgegriffen, die in diesem Zusammenhang inzwischen häufig genannt werden: Rainer Maria Rilke, Matthias Claudius und Simone de Beauvoir. Die von diesen Vertretern ausgewählten literarischen Beiträge werden in den autobiografischen Kontext eingeordnet und eingehend interpretiert.

Der dritte Teil setzt bei den Ideen dieser Dichter an, geht jedoch erheblich darüber hinaus, indem über vergleichbares Gedankengut ausgewählter Philosophen und Theologen divergierende Positionen zu Sterben und Tod aufgezeigt werden. Klärner sucht hier Verbindungen herzustellen: von S. de Beauvoir werden Verknüpfungen zum radikalen Existentialismus von Jean-Paul Sartre hergestellt, von Rilke zu Max Scheler und von Claudius zu Karl Rahner.

Auf dieser Grundlage wird schließlich ein eigener Diskussionsentwurf einer neuen ars moriendi vorgestellt, der sich stark an die theologischen Ideen von Rahner anlehnt. Sterbenskunst wird hier verstanden als zentrales Element der Lebensqualität, die sich bewusst mit Tod und Sterben auseinandersetzt, den natürlichen Tod spirituell überhöht und daraus Kraft schöpft, dem eigenen Sterben bewusst entgegen zu gehen und Sterbende "heilend" zu begleiten.

Abschließend werden weitere Dichter erwähnt, deren Schriften in der Sterbebegleitung bereits eingesetzt werden.

Diskussion – Einschätzung
Leitgedanke der Arbeit ist die Unterscheidung zwischen "biologischem" Tod und reflektiertem Sterben, das nicht erst mit dem Sterbeprozess im engeren Sinn einsetzt, sondern mit der psychologischen Verarbeitung des Sterbens anderer Personen sowie der Antizipation des eigenen Todes beginnt. Literarische Texte können diesen Prozess anregen, indem sie unterschiedliche Vorstellungen über den Tod und das Sterben vor Augen führen. Durch die Verknüpfung der Dichtung mit philosophischen und theologischen Aussagen gewinnt das Konzept der Verfasserin an Tiefgang, was sich schließlich in dem anspruchsvollen Modell einer modernen ars moriendi niederschlägt. Hervorzuheben ist hier vor allem, dass es der Verfasserin nicht vorrangig um oberflächliche Beruhigung des Sterbenden geht, sondern dass das Sterben mit allen inneren Widersprüchen, Zweifeln, Ohnmachtsgefühlen, Wut und Resignation ernst genommen wird. Das erscheint erwähnenswert, da die alte ars moriendi immer auch der Gefahr ausgesetzt war, als religiöses Disziplinierungsinstrument missbraucht zu werden, während heute eher die Tendenz zu beobachten ist, sie zur vordergründige Besänftigung, gleichsam als psychologische Schmerztherapie einzusetzen. Für die Begleitung wird die Authentizität als zentrale Haltung angesehen, die sich jedoch der Transzendenz öffnet. Damit bezieht die Verfasserin eine klare, religiös fundierte Position, die sich etwa von der existentialistischen Absurditätsthese Sartres dezidiert abgrenzt.

Der Schwerpunkt der Arbeit liegt auf der Präsentation bzw. Entwicklung thematischer Positionen auf einer wissenschaftlich sauberen Ebene. Methodisch-didaktische Überlegungen, wie die Dichtung in der Praxis einfühlsam eingesetzt werden kann, finden sich kaum. Für Sterbebegleiter wären aber gerade Hinweise auf die pastorale Umsetzung wertvoll. Leser dürften daher vor allem Anregungen erhalten, eine eigene dezidierte Grundhaltung zu entwickeln bzw. davon abweichende Einstellungen über das Sterben bei anderen Menschen zu erkennen und zu akzeptieren.

Dass die Autorin sich auf eine spezielle Auswahl beschränkt, mag einen Teil der Leser anregen, sich intensiv mit den vorgestellten Ansätzen auseinanderzusetzen. Andere werden vielleicht Beiträge vermissen, die etwa in der aktuellen Diskussion hoch im Kurs stehen, z.B. aus dem Umkreis fernöstlicher, afrikanischer oder auch als integrativ bezeichneter Todeskonzepte. Als Adressaten sind vermutlich auch eher Leser angedacht, die sich mit moraltheologischen Positionen der katholischen Kirche auseinandersetzen, Herausgeber der Reihe, in der der Band erschien, ist der Bonner Moraltheologe Gerhard Höver.

In diesem Zusammenhang ist auch zu kritisieren, dass die rational/kognitive Klärung dem komplexen Prozess der affektiven Auseinandersetzung mit dem Tod kaum gerecht wird, die gerade am Lebensende häufig gefühlsbetont und sprunghaft verläuft. Auch soziale Verwerfungen, und zwar nicht nur zwischen Sterbenden und Angehörigen, sondern auch mit ehrenamtlichen Helfern und professionellen Dienstleistern, sind auf der intellektuellen Ebene kaum zu thematisieren. Hier zeigt sich auch die Grenze dieses relativ breit angelegten Modells einer ars moriendi, die psychologische und pastorale Überlegungen zwar implizit voraussetzt, aber nicht ausdrücklich thematisiert. Ferner dürfte das Verständnis des Textes für Leser sicher nicht einfach sein, die mit dem anspruchsvollen Sprachduktus Rahnerscher Prägung nicht vertraut sind. Es ist daher zu vermuten, dass das trotz der aufgezeigten Grenzen lesenswerte Bändchen leider nur von einem speziellen Personenkreis gelesen werden dürfte.

Fazit
Es handelt sich hier um eine anregende wissenschaftliche Diskussionsgrundlage als Basis für die Entwicklung einer modernen ars moriendi, die als Vermittlungsstelle zwischen Dichtung, Philosophie und Theologie konzipiert ist und Menschen in der Konfrontation mit Tod und Sterben dabei unterstützen möchte, die soziale Verdrängung dieses unvermeidbaren Themas zu durchbrechen und einen ganz persönlichen Weg der Verarbeitung zu finden. Die aufgezeigten Konzepte verstehen sich als Anregungen, jedoch keineswegs als Patentrezepte, an die man sich klammern kann. Die Grenzen des Ansatzes ergeben sich aus dem speziellen fachwissenschaftlichen Zugriff, der jedoch nicht ausdrücklich benannt wird.

Rezensent Prof. Dr. Hans Goldbrunner

https://www.socialnet.de/rezensionen/5133.php

ISBN 978-3-9810020-7-5
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