Demenz und Hospiz

Sterben an Demenz erkrankte Menschen anders?

Klaus Peter Buchmann

Beschreibung
Über den Autor
Rezensionen
19. September 2007

Diese Publikation ist im Anschluss an eine Untersuchung entstanden, in der Hospizeinrichtungen in Deutschland zur Situation dementiell erkrankter Menschen in der letzten Lebenszeit befragt wurden. Sie macht in ihren Ergebnissen deutlich, dass die Begleitung an Demenz erkrankter Menschen in der letzten Lebensphase Mittel und Wege finden kann, gewissermaßen durch den erschwert scheinenden Wahrnehmungskontakt hindurch zu gehen und ein eigenes Modell der Begleitung von sterbend dementiell erkrankten Menschen zu entwickeln. Deutlich wird dabei, dass dieses eigene Begleitmodell für von Demenz betroffen Sterbende mit einem veränderten pflegerisch-medizinischen Demenzbegriff arbeiten wird. Auch stellt die Publikation anhand der Befragung der Hospizeinrichtungen heraus, dass einige organisations- und tagesstrukturelle Besonderheiten der Hospize schon sehr gute Möglichkeiten bieten, dementielle Erkrankte „gut“ in der letzten Lebenszeit zu begleiten.

Das eigentliche Neue dieser Publikation ist dabei, dass sie die Demenz in der Dimension eines Lebens bis zuletzt – eben des einen Lebens abseits aller Phasenhaftigkeit – integral begreift und diesen Hintergrund zum Ausgangspunkt verbesserter Möglichkeiten und Chancen einer Lebens- und Sterbebegleitung von an Demenz erkrankten Menschen in Pflegeeinrichtungen im allgemeinen und in Hospizen im Besonderen nimmt. Handlungsbedarfe und Ansätze erweiterter Begleitangebote für dementiell erkrankte Menschen werden hier auf den Punkt gebracht.

154 Seiten, kartoniert

Wuppertal 2007

Klaus Peter Buchmann
geb. 1962, gelernter Schmied, ließ sich zum Diakon mit dem Schwerpunkt alte und chronisch kranke Menschen ausbilden.
Studium der kath. Theologie und Pflegewissenschaft.
Arbeitet heute in leitender Tätigkeit im ambulanten und stationären Bereich mit alten Menschen.

Hans Goldbrunner. Rezension vom 18.01.2008 zu: Klaus P. Buchmann: Demenz und Hospiz

Thema
Die Themen Demenz und Sterben leiden gegenwärtig nicht unter einem Mangel an öffentlicher Aufmerksamkeit. Gleichwohl erscheint es überraschend, wie wenig bisher über das Sterben von Menschen mit Demenz bekannt ist und vor allem, dass es im ausgebauten öffentlichen Dienstleistungssystem praktisch ausgeblendet wird. Obwohl die Verweildauer von demenziell erkrankten Hochaltrigen in stationären Pflegeeinrichtungen immer kürzer wird und damit der Tod zu einer beinahe alltäglichen Erfahrung dieser Einrichtungen wird, wird das Sterben im überreglementierten Leistungsangebot (noch) ausgeklammert. Die Angehörigen fühlen sich in der Begleitung des Sterbens häufig überfordert und im Stich gelassen. Der Diplompflegewirt Klaus-Peter Buchmann, der mit konzeptionellen Fragen der Leitung sowie des Auf- und Ausbaus von Altenpflegeeinrichtungen betraut ist, geht nun in einer flächendeckend angelegten Befragung von Hospizen in Deutschland der Frage nach, welchen Stellenwert das Sterben dieser Personengruppe in (stationären) Hospizen einnimmt. Er geht dabei von der Vermutung aus, dass Hospize als neue Sterbeorte eine wichtige Adresse sind, sich dieser stark vernachlässigten Problematik zu stellen und Schnittstellen ausfindig zu machen, wie die Erfahrungen von Pflegeeinrichtungen und Hospizen verknüpft werden können.

Aufbau und Inhalt
Die knapp gehaltene schriftliche Befragung wird lediglich als Ausgangspunkt für eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Demenz benutzt. Dies trägt zu einem ganzheitlichen Verständnis bei, das nicht nur am Versagen von Langzeitgedächtnis und kognitiven Funktionen ansetzt, sondern darüber hinaus gehend unbewusste Bedürfnisstrukturen und Schutzmechanismen als Basis der veränderten Persönlichkeitsveränderung definiert. Auf diesem Hintergrund wird abgeleitet, dass Demente das Sterben in einer speziellen Weise erleben, das an Begleitpersonen und -einrichtungen besondere Anforderungen stellt. Für die Qualifikation des Personals ergeben sich daraus besondere Ansprüche. Gefragt sind vor allem ein hohes Maß an Zuwendung, Einbindung von Personen in die Begleitung, die als Bezugspersonen akzeptiert sind, sowie besondere nonverbale kommunikative Fähigkeiten.

Daneben finden sich auch Kapitel über strukturelle und rechtliche Rahmenbedingungen von Hospizen und Pflegeeinrichtungen. Buchmann verweist auf die Schwierigkeiten, Sterbebegleitung in unserem Gesellschaftssystem zu verankern, in welchem dem Sterben Dementer bisher offiziell keinerlei Aufmerksamkeit geschenkt wird. Angemessene Qualitätskriterien zu entwickeln ist nur möglich, wenn technizistische Qualitätsmodelle aufgegeben werden und an dessen Stelle die Entwicklung einer komplexen Pflege- und Sterbekultur tritt. Letztlich geht es dem Verfasser um die "Implementierung des Hospizgedankens" in stationären Pflegeeinrichtungen, für die Möglichkeiten und Grenzen aufgezeigt werden. Als Hinweis auf die spirituelle Dimension werden in einem Schlusskapitel beispielhaft Todesvorstellungen der Bibel, insbesondere des Neuen Testaments aufgeführt.

Diskussion - Einschätzung
Das Hauptverdienst von Buchmann ist darin zu sehen, dass er die Frage nach einem menschenwürdigen Sterben für an Demenz erkrankte Hochaltrige explizit aufwirft und in einen institutionellen Rahmen einordnet, in dem sie sich heute beinahe zwangsläufig stellt. Er erhofft sich, durch eine Besinnung auf die Hospizidee und die Hospizpraxis Anregungen für einen professionelleren Umgang mit dem Sterben in Pflegeheimen zu erhalten. Dabei gibt er sich nicht mit einem oberflächlichen Verständnis der Realität zufrieden, sondern bemüht sich um einen fundierten, mehrdimensionalen Zugang zur Demenz wie auch der organisatorischen Rahmenbedingungen von Hospiz und Pflegeheimen, der für eine sachgerechte Arbeit unerlässlich ist. An den aus der Analyse abgeleiteten Eckwerten für eine professionelle Begleitung des Sterbeprozesses sowie die Ausbildung von Begleitern dürften künftige Planungen nicht mehr vorbei kommen.

Es fällt jedoch auf, dass der Verfasser vorwiegend strukturell argumentiert, obwohl er auch die individuelle und die Beziehungsebene detailgenau und einfühlsam beschreibt. Er betont zwar die Notwendigkeit einer Ist-Analyse, geht inhaltlich jedoch nicht näher auf die Frage ein, wie Sterben von altersverwirrten Personen in Pflegeheimen gegenwärtig tatsächlich begleitet wird. Menschliches Engagement geht auch heute bereits organisatorischen Festlegungen voraus und weist ihnen erst den Weg, der von organisatorischen Planern aufgegriffen werden sollte. Der Versuch einer Bestandsaufnahme der vorhandenen Angebote mit Hilfe einer sehr allgemein gehaltenen Umfrage erweist sich an dieser Stelle nicht allzu ergiebig. Die Suche nach bereits vorliegenden "best practice"-Erfahrungen in Heimen könnte hier vielleicht einen besseren Ausweg darstellen, zumal auch in Hospizen - Buchmann zielt ausschließlich auf stationäre Einrichtungen ab - nur geringe Praxiserfahrungen mit diesem Personenkreis vorliegen.

Fazit
Das Buch macht auf ein bedeutsames Defizit aufmerksam, das in nächster Zukunft sicher an Gewicht gewinnen wird. Es stellt wichtige Fragen, die verdienen, weiter verfolgt zu werden, um das Sterben an Demenz erkrankter Hochaltriger humaner und professioneller zu gestalten als bisher. Darüber hinaus zeigt es sinnvolle Wege auf, in welche Richtung sich die Suche nach Lösungen bewegen sollte. Als Plädoyer für eine hospizgeprägte Sterbekultur in Pflegeeinrichtungen kann es einen Anstoß geben für die Vernetzung der Erfahrungen und Ressourcen von Hospizen und Pflegeeinrichtungen.

Rezensent Prof. Dr. Hans Goldbrunner

https://www.socialnet.de/rezensionen/5685.php

ISBN 978-3-9811240-6-4

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