Mahlzeit: Demenz

Fürsorgekultur im hospizlichen Kontext

Graf/Ecker/Caro

Beschreibung
Über den Autor
Rezensionen
7. November 2012

„Dieses Buch macht in überzeugender und bewegender Weise argumentativ und kreativ deutlich, dass es konkret beim Thema Essen und Trinken bis zum Lebensende buchstäblich ums Ganze geht .. „
Andreas Heller, Professor für Palliative Care und OrganisationsEthik an der IFF-Fakultät der Universität Klagenfurt, Wien und Graz

Demenz schwirrt als Schreckensdiagnose durch die Gesellschaft.

Diese gerontopsychiatrische Erkrankung Demenz, ein Überbegriff für unterschiedliche Formen der Verlustfähigkeit der Denkkraft, ist medizinisch weitgehend unbekannt und bedarf unserer besonderen Fürsorge. Erfahrungen aus der Pflege zeigen, dass eine konsequente Ausrichtung an den Bedürfnissen der an Demenz erkrankten Menschen Grundvoraussetzung ist. Eine hospizliche Haltung führt zu einer deutlich besseren Lebens- und Sterbekultur. Ein wichtiger Aspekt bei der Pflege demenziell erkrankter Menschen ist deren Esskultur. Bei fortgeschrittener Erkrankung kann es nicht selten zu Essstörungen kommen. Es gilt, die Ursache/n für dieses Verhalten zu finden. Erweiterte Ursachenforschung ist notwendig und wird in diesem Buch praxisrelevant dargestellt. Auf dieser Grundlage können dann sinnvolle Entscheidungen für eine neue Esskultur getroffen werden.

Damit allein ist es nicht getan. Die praktische Umsetzung in der Einrichtung ist wichtiger Bestandteil einer veränderten Esskultur. Doch wie entsteht diese neue Esskultur? Welche Entscheidungen müssen getroffen werden, wer ist wann daran beteiligt, damit die Umsetzung nachhaltig gelingen kann. Das Buch zeichnet sich durch seine hohe Praxisrelevanz aus und gibt wertvolle Tipps für die eigene Einrichtung.

Im Anhang finden Sie Rezepte und Checklisten zum Thema.

Mahlzeit: Demenz – Fürsorgekultur im hospizlichen Kontext
Gerda Graf, Monika Ecker, Karin Caro
200 Seiten, kartoniert, Ludwigsburg 2012, der hospiz verlag
ISBN: 978-3-941251-54-0, Preis: Euro 19,90 (D)/Euro 20,50 (A)

Vorübergehend nicht mehr lieferbar, Nachdruck erscheint 2019

Gerda Graf
ist u. a. Mitbegründerin der die hospiz zeitschrift und des Bundes-Hospiz-Anzeiger, Geschäftsführerin der Wohnanlage Sophienhof gGmbH, Referentin und Autorin im Bereich Palliative Care, Trägerin des Bundesverdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, 1997 – 2006 ehrenamtliche Vorsitzende des DHPV e.V. jetzt Ehrenvorsitzende.

Monika Ecker
Als Pflegekoordinatorin baute sie die Abteilung für Demenzkranke in der Wohnanlage Sophienhof auf. Gemeinsam mit Frau Richard hat sie die sogenannten drei Lebenswelten implementiert.

Bettina Wichers. Rezension vom 27.02.2013 zu: Mahlzeit. Demenz - Fürsorgekultur im hospizlichen Kontext.

Thema
Ernährung von Menschen mit Demenz unter dem Aspekt von Esskultur, Möglichkeiten zur Umsetzung im Pflegeheim.

Aufbau und Inhalt
Vorwort, Geleitwort und Einleitung – Annäherung an eine hospizliche Haltung, Fürsorgekultur und die Bedeutung von „Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen“ bei Menschen mit Demenz.

1. Wenn das Ich zerbrechlich wird. – Demenz, das schleichende Vergessen. Das erste Kapitel bringt die unvermeidlichen Zahlen und Fakten zu Demenz, einen kurzen Überblick über die Formen der Demenz und ein Plädoyer für eine klare Diagnose. Jede Demenzform mit ihren unterschiedlichen Verläufen erfordere eine andere Fürsorgekultur. Es wird fokussiert auf die mittleren und späten Stadien einer Demenz, da hier die Ernährungsfrage offensichtlich herausfordernd wird. Im Verlauf einer Demenz nimmt die Fähigkeit ab, Interessen über den Verstand zu vertreten, stattdessen liegt der Schwerpunkt auf der „gefühlten Wahrheit“ (15) von Menschen mit Demenz. Validation ist hier das Mittel der Wahl, um diese Wahrheit zu verstehen und anzunehmen. Kurz wird der Ansatz nach Naomi Feil erwähnt, bevor die Integrative Validation nach Nicole Richard ausführlicher dargelegt wird, gefolgt von einem Überblick über die Hospizidee und die hospizliche Haltung. Kritisch wird aufgezeigt, dass das, was (zunehmend) Menschen mit Demenz in der Pflege und Begleitung zugestanden wird, doch Anspruch an die Begleitung aller alten Menschen sein sollte: „In der Zulässigkeit des autonomen Verhaltens bei Demenzerkrankten liegt die Chance, dem Alter generell anders zu begegnen als bisher.“ (29) Die Diskussion von Selbstwahrnehmung und Autonomie bei Demenz mündet in der Vorstellung des ethischen Konsils, das anhand eines Fallbeispiels verdeutlicht wird.

2. Hält Essen und Trinken Leib und Seele zusammen? – Ernährung. Das zweite Kapitel beginnt mit dem Expertenstandard Ernährung und leitet über zu dem von den Autorinnen genutzten Assessmentinstrument PEMU, zudem werden physische und psychische Ursachen für Störungen bei der Nahrungsaufnahme erörtert. Das folgende Fallbeispiel ist ausführlich, mit biografischen Daten, Essbiografie und der Beschreibung von (hermeneutischen) Fallbesprechungen. Hier wurde kein „einfacher Fall“ gewählt, sondern es wird eine Bewohnerin beschrieben, bei der trotz intensiver Bemühungen zuerst kein Fortschritt, sondern ein Rückschritt im Ernährungsstatus zu verzeichnen war. Mithilfe der Beobachtungen der Mitarbeiterinnen, initiiert durch den von einer der Autorinnen entwickelten Ernährungsbeobachtungsbogens, der auch abgedruckt ist, konnten Lösungen für die Bewohnerin (und letztlich eine Gewichtszunahme) erzielt werden. Ein Plädoyer für mehr „Lebensschönheit“ der Nahrungsaufnahme und eine verbesserte Integration auch durch Gemeinschaft beim Essen, verbunden mit dem Verweis auf die Arbeit von Markus Biedermann, Heimkoch und Gerontologe, beendet das Praxiskapitel.

3. Reiß doch den Himmel auf. – Organisationen lernen gestalten. Wie aber lässt sich eine veränderte, hospizliche Esskultur in den Heimalltag integrieren? Dieser Frage widmet sich das letzte Kapitel. „Grundsätzliches ändert sich, da die Bedürfnisse der BewohnerInnen den Arbeitsalltag bestimmen.“ (73). Es folgen Exkurse zum Menschenbild (belegt mit den Menschenbildtypen nach Schein, der Zwei-Faktoren-Theorie nach Herzberger, dem Drei-Phasen-Modell nach Lewin). Hieraus werden Überlegungen zum Change-Management-Prozess entwickelt, wofür als ein Beispiel die Wertschätzende Erkundung/ Appreciative Inquiry (AI) vorgestellt wird, detaillierter ausgeführt anhand des Vier-Phasen-Prozesses und einer Beschreibung der Schritte Discovery, Dream, Design und Destiny u.a. in seiner Anwendung in der Pflegeeinrichtung Sophienhof, in der zwei der drei Autorinnen arbeiten.

In einem 22 seitigen Anhang werden Rezepte für Fingerfood und Smoothfood aufgeführt. Einige Adressen schließen den Anhang ab.

Diskussion
Eine ambivalente Haltung bestimmt die Diskussion dieses Buches: Es ist „aus der Praxis für die Praxis“ geschrieben und bietet Praktikern anhand von Fallbeispielen gute Orientierungsmöglichkeiten, wenn sie die Esskultur in ihren eigenen Einrichtungen hinterfragen und neu „kultivieren“ möchten. Es will aber auch „zu viel“ und hat unter anderem deswegen leider einige Schwächen.

In Kapitel 1 bietet die Beschreibung des ethischen Konsils eine hilfreiche Anregung für die Praxis, die Autonomie der Betreuten weitgehend zu wahren, zugleich wird ein Kommunikationsverfahren insbesondere für eine multidisziplinäre Besprechung aufgezeigt.

Kapitel 2 bietet u.a. mit den Erörterungen zur Umsetzung des Expertenstandards Ernährung, dem (selbst entwickelten) Erhebungsbogen zur Ernährungsbiografie und einer ausführlichen Fallbeschreibung konkrete Anregungen, die Esskultur in der Pflegeeinrichtungen an den Bedürfnissen der Menschen mit Demenz (neu) auszurichten.

Kapitel 3.3 zeigt mit der Wertschätzenden Erkundung/ Appreciative Inquiry (AI) eine Möglichkeit, wie eine veränderte Alltagsgestaltung in die gesamte Organisation eingebracht und dauerhaft umgesetzt werden kann.

Die Herleitung des theoretischen Hintergrundes dagegen ist oftmals unverständlich. Möglicherweise wollten die Autorinnen zu viele theoretische Ansätze gleichzeitig mit einbinden, was sie zur Kürze zwingt, Verständlichkeit kostet und teilweise den Lesefluss behindert. Inhaltlich ist zudem bedauerlich, dass die „hospizliche Haltung“ nach dem ersten Kapitel nicht mehr explizit thematisiert wurde und somit unklar bleibt, was an den geschilderten Ansätze den Unterschied zwischen einer Hospizkultur und einer „normalen“ Begleitung von Menschen mit Demenz ausmacht. Einige Behauptungen der Autorinnen, denen man als in die Thematik involvierte Leserin gerne folgt, sind nicht belegt und verlieren damit ihre Beweiskraft. Bei Tabellen fehlt teilweise ein Einbezug in den Text (39), oder es wird im folgenden Text auf Nummerierungen in einer Tabelle (74) verwiesen, die aber nicht vorhanden sind, so dass die Nachvollziehbarkeit etlicher folgender Grafiken nicht gegeben ist. Eine saubere Belegführung fehlt mehrfach, die Literaturangaben sind uneinheitlich und Quellen werden nicht konsequent im Literaturverzeichnis aufgeführt. All dies sind scheinbare Kleinigkeiten, die aber den Eindruck schmälern und die Nachvollziehbarkeit mindern.

Dies alles ist bedauerlich, denn inhaltlich leisten die Autorinnen einen wichtigen Beitrag für die Praxis der Begleitung von Menschen mit Demenz. Die konsequente Darstellung des Inhalts als Praxisbericht der Autorinnen aus ihrer langjährigen beruflichen Tätigkeit, die Ausweitung von Fallbeispielen und konkreten Handreichungen zur Umsetzung, die exemplarische Verknüpfung von Fallbeispielen mit den derzeit fast zusammenhanglos angefügten Rezepten, und stattdessen eine Reduzierung der theoretischen Herleitung würde m.E. den Beitrag nicht schmälern.

Fazit
Ein Buch aus der Praxis für die Praxis mit interessanten Ansätzen, aber Schwächen in Herleitung und Umsetzung, die vor allem aus theoretischem Blickwinkel offensichtlich werden. Praktikerinnen, die Ideen zu einer veränderten Esskultur in der Begleitung von Menschen mit Demenz suchen, finden diese hier. Die Anwendung der Methodik der Wertschätzenden Erkundung in einem Pflegeheim, die Überlegungen zu einer veränderten Esskultur sind wichtige Schritte zu einer Verwirklichung von Bedürfnisorientierung in der Pflege von Menschen mit Demenz.

Rezensentin
Dipl.-Pädagogin Bettina Wichers
Gerontologin (M.Sc.), Dipl.-Pädagogin & Coach
CommuniCare. Kommunikation im Gesundheitswesen, Göttingen

https://www.socialnet.de/rezensionen/13984.php

ISBN 978-3-941251-54-0
19,90  (zzgl. Versandkosten)
(inkl. MwSt.)

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