Wenn Gäste wieder gehen

Wenn Gäste wieder gehen, lebende Entlassungen im Hospiz

Hospizarbeit ist darauf ausgerichtet, Menschen in ihrer letzten Lebensphase zu begleiten. Umso irritierender – und zugleich hoffnungsvoll – ist die Situation, wenn sich ein Gast stabilisiert und das Hospiz wieder verlässt.

Für viele Mitarbeitende, Koordinatorinnen und Ehrenamtliche ist das ein Moment zwischen Freude, Unsicherheit und organisatorischer Herausforderung. Ein kürzlich in der Zeitschrift für Palliativmedizin erschienener Artikel (siehe unten) hatte unlängst bereits versucht, sich mittels qualitativer Interviews der Fragestellung anzunehmen.

Sterbewelten

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ISBN 978-3-946527-38-1

Hospizidee: Begleitung statt Behandlung

Die moderne Hospizarbeit geht maßgeblich auf Cicely Saunders zurück. Ihr Ansatz prägt bis heute den Alltag in Hospizen: Schmerztherapie, psychosoziale Begleitung und die konsequente Ausrichtung am Menschen statt an der Erkrankung.

Dieser Perspektivwechsel – vom „Patienten“ zum „Gast“ – ist aus der täglichen Hospizpraxis selbstverständlich vertraut. Der Perspektivwechsel ist es aber auch, der Stabilisierung überhaupt möglich machen kann.

Stabilisierung – kein Widerspruch zur Hospizarbeit

Die im o.g. Artikel angesprochenen Interviews zeigen:
Stabilisierung ist kein Zufall, sondern häufig das Ergebnis guter Hospizarbeit.

Was Hospizarbeit leistet, wirkt:

  • Symptome werden gelindert
  • Ängste nehmen ab
  • soziale Beziehungen stabilisieren sich
  • Menschen kommen zur Ruhe

Dass sich daraus eine gesundheitliche Stabilisierung ergibt, ist zwar selten – aber möglich.

Der Moment, der alles verändert

Die eigentliche Herausforderung beginnt im Hospiz oft mit einer Frage:
Sprechen wir eine mögliche Entlassung an – oder nicht?

Für viele Gäste und Angehörige ist das Hospiz zu einem sicheren Ort geworden. Die Aussicht, diesen zu verlassen, kann verunsichern oder sogar Angst auslösen.

Typische Reaktionen, die aus Hospizen bekannt sind:

  • Erleichterung („Ich darf noch bleiben“)
  • Verunsicherung („Schaffe ich das zu Hause?“)
  • Ablehnung („Ich will hier nicht weg“)

Die Reaktionen zeigen schon, wie sensibel Kommunikation in dieser Phase ist.

Zwischen Beziehung und Struktur

Gerade für Ehrenamtliche und Pflegekräfte entsteht ein Spannungsfeld:

  • Beziehungsarbeit: Es wurde Nähe aufgebaut, Vertrauen entwickelt
  • Versorgungsrealität: Plätze sind im Grunde knapp, Wartelisten lang
  • Systemlogik: Die Kriterien für die Hospizversorgung sind eigentlich nicht mehr erfüllt

Diese Spannung auszuhalten, gehört zu den anspruchsvollsten Seiten der Hospizarbeit.

Entlassung als Teamaufgabe

Die Organisation einer Entlassung ist komplex – und gelingt nur gemeinsam:

  • Klärung: Wohin geht der Weg? (Zuhause, Pflegeeinrichtung)
  • Aufbau eines tragfähigen Netzwerks
  • Einbindung von SAPV-Teams und ambulanten Diensten
  • Unterstützung der Angehörigen
  • bewusste Gestaltung des Abschieds

Gerade Koordinatorinnen kommt hier eine Schlüsselrolle zu – aber auch Ehrenamtliche sind wichtig, etwa in der Begleitung des Übergangs.

Und was passiert danach?

Ein Punkt, der im Alltag oft untergeht ist die Frage „Was bedeutet die Entlassung für die Zeit danach?“

Erfahrungen zeigen:

  • Übergänge sind häufig brüchig
  • Versorgungslücken können entstehen
  • Angehörige fühlen sich plötzlich wieder allein verantwortlich

Hier liegt eine wichtige Zukunftsaufgabe: bessere Verzahnung zwischen Hospiz, ambulanter Versorgung und Pflege.

Lebende Entlassungen werfen aber auch eine grundlegende Frage auf: „Was ist eigentlich der „Erfolg“ von Hospizarbeit?“

  • Ein gutes Sterben?
  • Mehr Lebensqualität?
  • Oder vielleicht auch gewonnene Lebenszeit?

Die Antwort ist nicht eindeutig – aber genau darin liegt die Stärke hospizlicher Arbeit: Sie lässt Raum für individuelle Verläufe. Lebende Entlassungen sind selten, aber sie machen sichtbar, was Hospizarbeit im Kern ausmacht: Beziehung, Würde und eine Versorgung, die sich am Menschen orientiert – auch dann, wenn sich der Weg unerwartet verändert.

Zum Weiterlesen

  • Zeitschrift für Palliativmedizin: „Ich bin dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen“. Eine Annäherung an das Phänomen der Entlassung aus dem Hospiz. Klaus Müller, Zeitschrift für Palliativmedizin, Georg Thieme Verlag KG, Mar 11, 2026. https://shorturl.at/bsyLG
  • Studie (international): A National Study of Live Discharges from hospice -> Überblick über Häufigkeiten lebender Entlassungen im Jahr 2010. https://journals.sagepub.com/doi/abs/10.1089/jpm.2013.0595
  • Studie (Übersicht):
    Live discharge from hospice: challenges and opportunities
    -> Thematisiert Versorgungsbrüche, Belastungen für Angehörige und systemische Fragen https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32615064/
  • Praxisimpuls:
    Viele regionale Hospiz- und Palliativnetzwerke bieten eigene Handreichungen zur Überleitung in die Häuslichkeit oder Pflegeeinrichtungen an – eine Recherche im jeweiligen Bundesland lohnt sich.

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