Gemeinsam fürsorglich: Wie „Caring Communities“ unsere Gesellschaft stärken
Schwere Krankheit, Sterben, Tod und Trauer betreffen uns alle – früher oder später, direkt oder indirekt. Doch wie fangen wir uns als Gemeinschaft in diesen verletzlichen Momenten auf? Während in den vergangenen Jahrzehnten vor allem die professionellen Hospiz- und Palliativstrukturen in Deutschland ausgebaut wurden, rückt nun eine ebenso entscheidende Säule in den Fokus: die zivilgesellschaftliche Sorgekultur.
Schwerstkranke Menschen verbringen rund 95 Prozent ihrer Zeit außerhalb des professionellen Versorgungssystems – zu Hause, im Kreis von Familie, Freunden, Nachbarn oder im Verein. Genau hier setzt das Konzept der Caring Communities (im internationalen Raum als Compassionate Communities bekannt) an. Es geht darum, als Gesellschaft im lokalen Umfeld Verantwortung füreinander zu übernehmen, sozialer Isolation entgegenzuwirken und ein Sterben in Würde zu ermöglichen – unabhängig von Wohnort, Alter oder sozialem Status. Angesichts einer alternden Gesellschaft und schwindender traditioneller Familienstrukturen ist diese gegenseitige Unterstützung wichtiger denn je.
Ein konkreter Wegweiser für die Praxis vor Ort
Um diese Vision bundesweit Realität werden zu lassen, hat der Runde Tisch der Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen ein neues Schwerpunktthema gesetzt und eine umfassende Handlungsempfehlung in 2025er arbeitet.
Dieses Dokument dient als praxisnaher Leitfaden für Kommunen, Vereine, Unternehmen und Bürgerinitiativen. Es zeigt fundiert auf, wie:
- lokale Sorgenetze aufgebaut, koordiniert und nachhaltig finanziert werden können,
- Kommunen als Träger der Daseinsvorsorge aktiv in die Pflicht genommen und eingebunden werden,
- Bürgerinnen und Bürger durch Foren und Workshops beteiligt werden, um die Gesundheitskompetenz im Umgang mit Sterben und Trauer zu stärken,
- Arbeitgeber, Schulen und Vereine eine sensible, solidarische Kultur im Umgang mit betroffenen Kollegen, Schülern oder Mitgliedern etablieren können.
Eine Caring Community lässt sich nicht „von der Stange“ planen – sie lebt vom Mitmachen und passt sich flexibel den Bedürfnissen vor Ort an. Bringen auch Sie sich ein und gestalten Sie eine tragfähige Sorgekultur in Ihrer Region!
Projektübersicht nach Bundesländern
Caring-Community-Projekte sind in Deutschland über verschiedene Bundesländer verteilt und reagieren auf den demografischen Wandel durch lokale, bürgerschaftliche Netzwerke. Sie verknüpfen professionelle Pflege mit nachbarschaftlichem Engagement.
Baden-Württemberg
- Strategie „Quartier 2030 – Gemeinsam.Gestalten.“: Ein landesweites Förderprogramm des Sozialministeriums Baden-Württemberg, das Kommunen und Quartiere finanziell und beratend dabei unterstützt, altersgerechte und sorgende Gemeinschaften aufzubauen.
- Bürgergemeinschaft Oberried e.V.: Ein bundesweites Vorzeigemodell für den ländlichen Raum. Der Verein organisiert von der Nachbarschaftshilfe über Tagespflege bis hin zu betreuten Wohngemeinschaften die komplette Daseinsvorsorge genossenschaftlich im Dorf.
- Netzwerk Sorgekultur (Müllheim / Freiburg): Initiativen, die sich gezielt der Tabubefreiung von Sterben, Tod und Trauer im Quartier annehmen und Bürger zu „Letzte-Hilfe-Kursen“ und nachbarschaftlicher Sterbebegleitung vernetzen.
Nordrhein-Westfalen
- Landesprogramm „Sorgende Gemeinschaften“: Gefördert durch das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales NRW, unterstützt dieses Programm den Aufbau von lokalen Strukturen zur Entlastung pflegender Angehöriger.
- ZWAR-Netzwerke (Zwischen Arbeit und Ruhestand): Über ganz NRW verbreitete, selbstorganisierte Netzwerke für Menschen ab 55 Jahren. Sie fördern die nachbarschaftliche Teilhabe, beugen Alterseinsamkeit vor und bilden die Basis für spätere gegenseitige Alltagshilfe. [1]
- Miteinander und Füreinander (Duisburg / Ruhrgebiet): Quartiersprojekte der Wohlfahrtsverbände, die durch aufsuchende Altenarbeit („präventive Hausbesuche“) Senioren frühzeitig in soziale Netzwerke einbinden.
Bayern
- Marktplatz der Generationen: Eine Initiative des Bayerischen Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales. Sie hilft vor allem kleineren, ländlichen Gemeinden, seniorengerechte Strukturen, Digitallotsen und barrierefreie Treffpunkte zu entwickeln.
- Sorgende Gemeinschaften im Allgäu (z.B. Wildpoldsried): Lokale Genossenschaften und Vereine, die Mobilitätsdienste (Bürgerbusse), generationenübergreifende Wohnprojekte und Alltagsbegleitung für Pflegebedürftige bündeln.
Hessen
- Modellprojekt „Gemeindeschwester 2.0“: Präventives Landesprogramm, bei dem Fachkräfte (oft Pflegekräfte oder Sozialarbeiter) Senioren zu Hause besuchen, die noch keinen Pflegegrad haben. Sie vernetzen die Menschen mit lokalen Nachbarschaftshilfen und verhindern Isolation. [1]
- Netzwerk Caring Communities Frankfurt: Ein Zusammenschluss von urbanen Initiativen, Hospizdiensten und Stadtteilbüros zur Förderung solidarischer Sorgearbeit in Großstadtquartieren.
Niedersachsen & Bremen
- Gesundheitsregionen Niedersachsen: Ein Landesprogramm, das in vielen Landkreisen innovative Sorgenetzwerke fördert. Hier werden medizinische Versorgung, Pflege und kommunale Nachbarschaftshilfe sektorenübergreifend verknüpft.
- Zukunftswerkstatt Kommunen (ZWK): Bundesweit gefördert, aber mit starken Modellstandorten in Niedersachsen, um den demografischen Wandel durch partizipative Sorge-Strukturen aktiv zu gestalten.
Zum Weiterlesen:
Laden Sie sich jetzt die vollständige Caring Communities Handlungsempfehlungen mit praxisnahen Anregungen herunter, um wertvolle Impulse für Ihre Gemeinde, Ihr Quartier oder Ihre Organisation zu erhalten.
Download Handlungsempfehlung Caring Communities: https://www.dhpv.de/files/public/themen/Charta_Handlungsempfehlung_CaringCommunity_online-komprimiert.pdf
