Kindertrauer – Luca und die Erinnerungskiste

Vor wenigen Tagen ist ein wunderbares neues Kinderbuch im hospiz Verlag erschienen, „Luca und Erinnerungskiste“. Franziska Ivens als Autorin und ihre Tochter Mara Ivens als Zeichnerin haben dieses einfühlsame Bilderbuch über Traurigkeit, Erinnerungen an die Oma und Trost entwickelt. Wir haben einmal nachgefragt.

Liebe Franziska, was war der entscheidende Moment, in dem du wusstest: „Ich muss die Geschichte von Luca und seiner Erinnerungskiste schreiben“?

Einen einzelnen Schlüsselmoment gab es für mich nicht. Vielmehr hat sich während meiner Ausbildung zur Traumapädagogin und parallel zu meiner damaligen Arbeit als Kita-Leitung zunehmend gezeigt, dass das Thema Trauer im pädagogischen Alltag zwar ständig präsent ist, aber kaum systematisch aufgegriffen wird. Das hat mich sehr beschäftigt, weil ich diese Situation in der Praxis immer wieder erlebt habe.

Luca und die Erinnerungskiste

17,80 

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ISBN 9783946527725

Spätestens im Rahmen meiner Kolloquiumsleistung wurde mir bewusst, dass ich nicht nur theoretisch weiterdenken möchte, sondern etwas entwickeln will, das mich auch in meiner praktischen Arbeit wirklich unterstützt. Aus diesem inneren Bedürfnis heraus ist „Luca und die Erinnerungskiste“ entstanden und im Rahmen meiner Ausbildung zur Trauerbegleiterin weitergewachsen. Ziel war es, Fachkräften eine alltagsnahe Unterstützung im Umgang mit kindlicher Trauer an die Hand zu geben.  

Liebe Mara, wenn du an die „Erinnerungskiste“ im Buch denkst – welchen Gegenstand würdest du selbst hineinlegen, um dich an einen geliebten Menschen zu erinnern? 

In meine Erinnerungskiste würde ich ein Buch legen, aus dem Mama uns immer vorgelesen hat. Dieses steht dann auch stellvertretend für die Bücher, über die wir uns immer unterhalten haben. Wenn ich an meine Mama denke, denke ich auch immer an Bücher.

Franziska, im Buch spürt Luca eine Leere, weil die Erwachsenen anfangs nicht offen über die Abwesenheit der Oma mit ihm sprechen. Warum fällt es uns Großen so schwer, die richtigen Worte zu finden? 

Aus meiner Sicht liegt die Schwierigkeit vieler Erwachsener darin, dass wir selbst oft  nicht gelernt haben, offen über Tod und Trauer zu sprechen. Gleichzeitig erleben wir unsere eigenen Gefühle in solchen Situationen schnell als überwältigend und versuchen unbewusst uns und die Kinder zu schützen, indem wir Abstand halten oder schweigen.

Wir unterschätzen jedoch, dass Kinder dadurch eher in Unsicherheit geraten und ihrer eigenen Fantasie überlassen bleiben. Kinder haben grundsätzlich einen sehr offenen und natürlichen Zugang zu solchen Themen. Viel unmittelbarer als wir Erwachsenen, die durch Prägungen und gesellschaftliche Muster oft gehemmt sind.

Gerade deshalb ist es so wichtig, Kindern Worte für ihre Gefühle zu geben und ihnen einen Einordnung zu ermöglichen. Ein offener Umgang mit Tod und Trauer stärkt nicht nur ihr Verständnis, sondern auch ihre emotionale Bewältigungsfähigkeit und damit letztlich die Resilienz für Erfahrungen, die sie im Leben ohnehin machen werden. Entscheidend ist dabei nicht das perfekte Wort, sondern überhaupt Sprache und Beziehung anzubieten, dass da jemand ist, der begleitet und mit ihnen in Verbindung bleibt.

Ihr beide,  das Buch ist ein gemeinsames Projekt von euch als Mutter und Tochter. Wie war es für euch, sich gemeinsam mit dem Thema Abschied und Tod zu beschäftigen? 

Tochter Mara: Es war für mich in keiner Hinsicht schwer sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Wir haben bei uns schon immer offen über solche Themen gesprochen. Da ich selbst noch keine einschneidenden Erfahrungen mit dem Tod oder Abschied hatte, habe ich vor allem zugehört, wenn Mama davon erzählt hat.

Mutter Franziska: Ich erlebe meine Tochter und auch meine anderen beiden Kinder insgesamt als sehr offene Gesprächspartner:innen, wenn es um solche Themen geht. Das unterstreicht für mich auch noch einmal die vorherige Antwort: Kinder haben einen natürlichen Zugang zu diesen Fragen. Kinder wollen verstehen und nachfragen.

Wenn man diese kindliche Neugier aufgreift und ihnen den Raum gibt, darüber zu sprechen, entstehen solche Gespräche ganz selbstverständlich. Das empfinde ich als sehr bereichernd, weil ich dadurch auch selbst neue Sichtweisen gewinne.

Für das Buch war mir die kindliche Perspektive besonders wichtig. Nicht nur meine eigenen Kinder haben dazu beigetragen, dass die Sprache kindnah bleibt, sondern auch die Kinder aus meiner damaligen Kita-Arbeit.

Meine Tochter war dabei ganz selbstverständlich als Ansprechpartnerin präsent, auch weil sie mit ihren Zeichnungen eine wesentlichen Teil zur kindnahen Perspektive beigetragen hat.  

Mara, was glaubst du, welcher Teil der Geschichte Kindern in Lucas Alter am meisten Mut macht?

Die Erkenntnis, dass eine geliebte Person nie ganz weg ist, weil man so viele schöne Erinnerungen hat. Außerdem ist es wichtig, dass jemand da ist, der einem zuhört und in der schweren Zeit hilft. Die Kinder spüren, ob Trost ehrlich gemeint ist.

Franziska, die Erzieherin im Buch spielt eine wichtige Rolle. Du selbst bist beruflich im Kitabereich engagiert. Welchen Rat hast du für pädagogische Fachkräfte, die mit trauernden Kindern arbeiten? 

Für Kinder oder eigentlich generell für Menschen ist es entscheidend, dass es eine verlässliche Bezugsperson gibt, mit der sie über ihre Gefühle sprechen können. Deshalb ist es aus meiner Sicht auch besonders wichtig überhaupt ins Gespräch zu kommen und Berührungsängste gegenüber den Themen Tod und Trauer abzubauen.

Das setzt oft voraus, dass die pädagogischen Fachkräfte sich zunächst mit ihren eigenen Unsicherheiten auseinandersetzen. Denn häufig zeigt sich: Wenn wir anfangen über diese Themen zu sprechen, verlieren sie ein Stück ihrer Schwere und werden zugänglicher.

Im Kontakt mit den Kindern bedeutet das vor allem ihnen auf Augenhöhe zu begegnen, ihnen zuzuhören und ihnen Worte für ihre Gefühle anzubieten. Kinder brauchen eine klare, sachliche Einordnung dessen, was passiert ist, und gleichzeitig die Möglichkeit sich auszudrücken. Sei es im Gespräch oder auf kreative Weise.

Hilfreich können dabei auch konkrete Anker sein, wie zum Beispiel eine Erinnerungskiste. Sie hilft Kindern Erinnerungen greifbar zu machen und den Blick nicht nur auf den Verlust, sondern auf die schönen gemeinsamen Momente zu richten. Gleichzeitig kann sie Halt geben und Kindern vermitteln, dass sie ihren Gefühlen nicht ausgeliefert sind, sondern einen eigenen Umgang damit finden können. 

Ihr beide, „Erinnerungen geben Halt“ ist ein zentraler Satz des Buches. Was hofft ihr, bleibt bei den Familien hängen, wenn sie die letzte Seite von Lucas Geschichte zugeschlagen haben? 

Wir wünschen uns, dass Familien mitnehmen, dass Erinnerungen etwas Lebendiges sind, das bleibt und Halt geben kann. Denn es ist gut über Trauer zu sprechen, Gefühle zuzulassen und gemeinsam Wege zu finden damit umzugehen.

Und vielleicht auch die Erfahrung, dass es keine perfekten Worte braucht, sondern vor allem Nähe, Zeit und Menschen, die da sind. Wenn es gelingt, dass Kinder und Erwachsene miteinander im Gespräch bleiben und sich gegenseitig Halt geben, ist schon viel gewonnen.

Zum weiterlesen:

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