Wo stehen wir in der Ausbildung?
Physiotherapie ist bekanntlich weit mehr als nur „Bewegungsübungen“. In der Palliativversorgung hilft sie entscheidend dabei, Atemnot zu lindern, Schmerzen zu reduzieren und die Selbstständigkeit der Patienten so lange wie möglich zu erhalten. Doch wie gut werden angehende Physiotherapeuten in Deutschland eigentlich auf diese sensible Aufgabe vorbereitet? Eine aktuelle bundesweite Studie aus dem Jahr 2024 hat dazu 120 Ausbildungsschulen und Hochschulen in Deutschland befragt.
Die wichtigsten Ergebnisse auf einen Blick
- Nur jede zweite Schule lehrt Palliativ Care: Lediglich 54 % der befragten Einrichtungen haben das Thema fest in ihren Lehrplan integriert. Das bedeutet im Umkehrschluss: Fast die Hälfte der Berufsanfänger startet ohne spezifisches Basiswissen in den Beruf.
- Später Zeitpunkt im Fokus: Wenn das Thema unterrichtet wird, geschieht dies meist erst gegen Ende der Ausbildung (im 2. oder 3. Lehrjahr).
- Theorie hui, Praxis ausbaufähig: Während theoretischer Unterricht Standard ist, findet praktisches Lernen direkt am Patienten nur in wenigen Einrichtungen statt.
- Hohe Zukunftsbereitschaft: Von den Schulen, die das Fach bisher nicht anbieten, würden über 92 % dies in Zukunft gerne tun.
Warum fehlt das Thema oft noch?
Die Studie identifizierte klare Hürden, die den Schulen die Integration schwer machen:
- Fehlende gesetzliche Vorgaben: Es gibt (außer in Bayern und Rheinland-Pfalz) kaum verbindliche Regeln, dass das Thema unterrichtet werden muss.
- Personalmangel: Es fehlen qualifizierte Lehrkräfte, die sowohl physiotherapeutisches Fachwissen als auch Palliative-Care-Expertise besitzen.
- Zeitdruck: Die Lehrpläne sind bereits jetzt oft „überfrachtet“.
Was bedeutet das für die Hospiz- und Palliativpraxis?
Für Fachkräfte und Ehrenamtliche in der hospizlichen und palliativen Praxis zeigt die Studie zwei wichtige Punkte:
- Sensibilisierung ist Teamarbeit: Viele junge Physiotherapeuten kommen hochmotiviert, aber mit wenig Fachwissen zu sterbenden Menschen in die Einrichtungen. Sie brauchen in der Anfangsphase oft eine intensivere fachliche Begleitung durch das interdisziplinäre Team.
- Berufspolitik ist gefragt: Damit Palliative Care kein „Zufallsprodukt“ in der Ausbildung bleibt, braucht es bundesweit einheitliche Lehrpläne. Die Studie unterstreicht, dass die persönliche Überzeugung einzelner Lehrkräfte derzeit oft der einzige Grund ist, warum das Thema überhaupt gelehrt wird.
Fazit: Die Relevanz der Physiotherapie für die Lebensqualität am Lebensende ist unbestritten. Damit sie jedoch flächendeckend als „dritte Säule“ (neben Prävention und Rehabilitation) wirken kann, muss die Ausbildung in Deutschland systematischer werden.
Zum Weiterlesen:
An der Befragung nahmen zwischen Januar und April 2024 insgesamt 120 Bildungseinrichtungen teil. Die Rücklaufquote lag bei erfreulichen 43,2 %, was das hohe Interesse der Schulen an diesem Thema widerspiegelt.
Palliativmedizinische Aspekte in der physiotherapeutischen Ausbildung und im Studium: Eine deutschlandweite Befragung von Ausbildungsstätten und Hochschule: https://doi.org/10.1016/j.zefq.2026.03.002, https://shorturl.at/F1NpS