Vor wenigen Tagen ist ein neues Buch zur Gesprächsgestaltung am Lebensende im Hospiz Verlag erschienen. Wir haben uns mit dem Autor, Dr. Matthias Wiemer, getroffen, um ausführlicher über Gesprächshaltung, Orientierungspunkte und die Rolle der Begleitenden zu sprechen.
1. Herr Dr. Wiemer, Sie arbeiten beim Thema „Gesprächsgestaltung“ mit einem systemischen Ansatz. Was ist darunter zu verstehen im Hinblick auf die Begleitung am Lebensende?
In meinem Buch zur Gesprächsgestaltung am Lebensende frage ich nicht primär danach, was fehlt oder verloren geht, sondern worauf sich ein Mensch innerlich noch stützen kann. Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinn werden zu zentralen Orientierungspunkten. Gerade in einer Phase, in der äußere Kontrolle schwindet, entsteht Stabilität durch innere Kohärenz.
Mein Zugang ist dabei sehr von einer systemischen Perspektive geprägt, die davon ausgeht, dass Aufmerksamkeit, Sprache und Beziehung das innere Erleben mitgestalten. Menschen am Lebensende suchen selten nach Antworten, sondern nach Beziehung, Resonanz und innerem Halt. Die Verbindung der o.g. Orientierungspunkte mit einer aufmerksamen, mitgestaltenden Haltung schafft den Raum, in dem sich Menschen wiederfinden können, selbst wenn im Außen vieles zerfällt.
2. In Ihrem Buch stellen Sie die innere Haltung konsequent an den Anfang. Warum ist es entscheidend, Begleitende zunächst in ihrer Haltung zu stärken, bevor konkrete Gesprächstechniken in den Blick kommen?
Die innere Haltung prägt jede Form von Kommunikation. Schon bevor ein Wort gesprochen wird, wirkt Präsenz. Ruhe und Zugewandtheit werden sehr fein wahrgenommen. Eine unruhige Ausrichtung überträgt sich direkt auf das Gegenüber, während eine klare Präsenz stabilisierend wirkt.
Wenn die Haltung nicht geklärt ist, bleiben selbst gute Gesprächstechniken oberflächlich. In existenziellen Situationen trägt nicht die Technik, sondern die Qualität der Begegnung. Deshalb ist es entscheidend, Begleitende in ihrer inneren Stabilität zu stärken. Aus dieser Haltung entstehen Worte, die tragen, weil sie eingebettet in Beziehung und frei von Handlungsdruck sind.
3. Viele ehrenamtliche Begleitende erleben den inneren Druck, „etwas sagen“ oder „helfen“ zu müssen. Wie kann es gelingen, diesen Impuls zugunsten echter Präsenz loszulassen – gerade in emotional herausfordernden Situationen?
Der Impuls, helfen oder reden zu müssen, ist zutiefst menschlich und entspringt meist eigener Unsicherheit oder dem Wunsch, Belastung zu lindern. In der Begleitung am Lebensende wirkt dieser Impuls jedoch oft eher trennend. Wichtig ist, den Impuls zunächst wahrzunehmen, statt ihm sofort zu folgen. Kurzes Innehalten und ein innerer Check helfen, die eigene Präsenz wiederzufinden.
Aufmerksamkeit steuert das Erleben: Lenkt man sie weg vom inneren Druck und hin zur eigenen Stabilität, verändert sich sofort die Atmosphäre. Der Fokus verschiebt sich von „Ich muss etwas tun“ zu „Ich bin da“. Viele Sterbende suchen keinen schnellen Trost, sondern jemanden, der bleibt – auch in Stille. Echte Präsenz wirkt dann oft stärker als jedes gut gemeinte Wort.
4. Sterbende Menschen bringen sehr unterschiedliche Themen mit – Angst, Schmerzen, Schuld, Versöhnung oder Sinnfragen. Welche Rolle spielt „Sprache“ in Ihrem Konzept der inneren Haltung?
Sprache ist Ausdruck der inneren Haltung. Worte transportieren Beziehung und Ausrichtung und gestalten das Erleben mit. Am Lebensende wirkt Sprache besonders unmittelbar: Sie kann ordnen, entlasten oder verunsichern.
Gefragt ist eine Sprache, die ruhig, klar und zugewandt ist, ohne zu beschönigen oder zu überfordern. Sie begleitet, statt zu korrigieren. Wenn Aussagen gespiegelt und Bedeutungen behutsam benannt werden, entsteht ein Gefühl von Verstehbarkeit und Würde. Sprache wird so zu einem Raum, der Ausdruck ermöglicht und innere Orientierung unterstützt.
5. Bieten Sie zu den Inhalten Ihres Buches auch Fortbildungen oder Workshops an – und an wen richten sich diese?
Ja, die Inhalte werden in Fortbildungen, Gruppenabenden und Workshops vermittelt. Zielgruppen sind ehrenamtlich Begleitende in der Hospizarbeit sowie Fachpersonen aus Pflege, Therapie und Beratung. Auch Organisationen, die sich mit Kommunikation in Übergangssituationen befassen, greifen die Inhalte auf.
Im Mittelpunkt steht nicht die Vermittlung von Techniken, sondern die gemeinsame Entwicklung einer tragfähigen Haltung. Die Teilnehmenden lernen, Präsenz zu stärken, Sicherheit im Umgang mit schwierigen Situationen zu gewinnen und eine Sprache zu finden, die trägt. Besonders hilfreich erleben viele die direkte Verbindung von Aufmerksamkeit, Beziehung und Sprache, die sich unmittelbar im Alltag umsetzen lässt.
