Erfahrungen von Therapeuten und Nutzern beim Einsatz künstlicher Intelligenz (KI) in der Trauerbewältigung
Der Einsatz von KI in der Trauerarbeit teilt sich in zwei völlig unterschiedliche Ansätze. Während der eine Ansatz auf professionelle Unterstützung setzt, versucht der andere, den Verlust einer Person technisch zu überbrücken.
1. Chatbots zu Therapiezwecken (Digitale Trauerbegleitung)
Diese Bots fungieren als virtuelle Assistenten oder Therapeuten. Sie basieren auf fundierten psychologischen Modellen.
- Funktion: Sie bieten rund um die Uhr ein offenes Ohr für Gedanken und Gefühle.
- Methode: Sie nutzen Techniken aus der Kognitiven Verhaltenstherapie (CBT).
- Ziel: Strukturierung des Alltags, Validierung von Emotionen und Bereitstellung von Bewältigungsstrategien.
- Identität: Der Bot agiert klar als künstliche Intelligenz und gibt sich niemals als Mensch aus.
2. Griefbots (Digitale Reinkarnation / Ghostbots)
Diese Bots imitieren eine spezifische, verstorbene Person. Sie dienen als digitaler Zwilling des Verstorbenen.
- Funktion: Hinterbliebene können scheinbar weiterhin mit der verstorbenen Person chatten, telefonieren oder sogar per Video (Deepfake) interagieren.
- Methode: Die KI wird mit echten Daten des Verstorbenen trainiert. Dazu gehören Chatverläufe, Sprachnachrichten, E-Mails und Social-Media-Beiträge.
- Ziel: Das Aufrechterhalten einer Bindung (Continuing Bonds) und das Gefühl, der geliebte Mensch sei noch da.
Chancen und Risiken im Vergleich
| Aspekt | Therapie-Chatbots | Griefbots |
| Hauptfokus | Vorwärtsschauen und Akzeptanz des Verlusts. | Festhalten an der Präsenz des Verstorbenen. |
| Große Chance | Niedrigschwellige, anonyme Soforthilfe bei Einsamkeit. | Trost in akuten Phasen, Abschiednehmen im Nachhinein. |
| Größtes Risiko | Ersetzt keine tiefgehende, menschliche Psychotherapie. | Kann den psychologischen Ablösungsprozess blockieren und extrem verharmlosen. |
Psychologen sehen Griefbots besonders kritisch. Die Illusion einer unendlichen Existenz kann dazu führen, dass der unumgängliche Realitätsschock der Trauer dauerhaft verschoben wird.
Eine Studie der Nottingham Universität, England, beschäftigte sich im Rahmen einer Studie mit ersten Erfahrungen von Therapeuten und Nutzern beim verantwortungsvollen Einsatz künstlicher Intelligenz (KI) bei der Trauerbewältigung. Dabei wurde zwischen Therapie Chatbots und Griefbots unterschieden. Die Untersuchung basiert auf Therapeuteninterviews (N = 4), einer Umfrage unter Trauernden (N = 49) und vertiefenden Nutzerinterviews (N = 4).
Ergebnisse der Experteninterviews
Therapeuten betonen, dass Trauer nicht-linear verläuft und KI echte menschliche Empathie sowie nonverbale Signale nicht ersetzen kann. Dennoch sehen sie Potenzial in KI als Ergänzung zwischen Therapiesitzungen (z. B. zur emotionalen Stabilisierung, für Achtsamkeitsübungen oder das Tracking des Wohlbefindens). Griefbots werden sehr kritisch gesehen, da sie den Trauerprozess blockieren und Erinnerungen verzerren können. Ihr Einsatz sollte unbedingt – ähnlich wie rezeptpflichtige Medikamente – streng limitiert, temporär und therapeutisch überwacht stattfinden.
Ergebnisse der Nutzerbefragung
Die Akzeptanz für Trauer-KI ist bei Trauernden generell niedrig. Die Befragten stehen therapeutischen Chatbots jedoch deutlich aufgeschlossener gegenüber als Griefbots. Bei der Interaktion wird Text klar gegenüber Audio- oder Video-Interfaces vorgezogen. Das Vertrauen in KI ist gering, wenngleich Nutzer ihre wertungsfreie Natur schätzen. Datenschutz hat für Anwender oberste Priorität. Da die Präferenzen stark variieren, ist eine hohe Personalisierung entscheidend; standardisierte KI-Therapiesitzungen werden abgelehnt.
Zum Weiterlesen:
Hier geht es zu den veröffentlichten Studienergebnissen: Design guidelines for the therapeutic use of AI in grief
