die hospiz zeitschrift – Ausgabe 90

Schwerpunktthemen:
Sterbewelten

17,00 

Erscheinungsdatum: 15.06.2021
 

Beschreibung

Sterbewelten sind Lebenswelten, weil Sterben Teil des Lebens ist. In der diversen und facettenreichen Welt der Lebens- und Sterbebegleitung geht es immer wieder neu darum, den Betroffenen mit ihrem Umfeld ressourcenorientiert, individuell und empathisch beizustehen. Der Fokus ist hierbei auf deren Lebensgestaltung gerichtet:

„Was kann ich noch selbst machen, entscheiden? Wann möchte ich etwas sagen – wann schweigen? Wo möchte ich versuchen, mutig zu sein – und wo verlässt er mich? Wo und wann möchte ich verdrängen – um mein Umfeld zu schützen oder auch mich?“

Die Lebenswelten der Sterbenden und derjenigen, die sie begleiten sind immer auch geprägt von aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen. Mindestens drei davon nehmen die Autor*innen in diesem Heft auf:

Erstens die Frage nach dem guten Sterbeort. Nach wie vor ist das Zuhause die bevorzugte und Sterbewelt, auch wenn die Vorstellung vom Sterben zuhause von vielen idealisiert wird. Zwischenmenschliche Beratung und Begleitung ist fast an jedem Ort der einzelnen Lebenswelt möglich. Im fortgeschrittenen Stadium des Lebens- und Sterbeprozesses spielt er häufig keine tragende Rolle mehr

– Hauptsache, die Betroffenen fühlen sich durch bindungsspendende Menschen geborgen und getragen – bei all dem Unsicheren, was da noch für sie kommt.

Ganz und gar nicht idealisiert wird die Sterbewelt, die von der CoVid-19 Zeit oder Krise oder Katastrophe, wie sie auch genannt wird, geprägt ist. Vieles, was aus hospizlicher Sicht im Umgang mit Sterbenden wichtig geworden und auch gelungen ist, wird durch die Bedingungen von CoVid-19 gefährdet.

Die dritte gesellschaftliche Entwicklung, mit der wir uns noch viel länger befassen werden müssen als mit CoVid-19, betrifft die Legalisierung des assistierten Suizids, die in unterschiedlichen gesetzlichen Stadien für Deutschland, Österreich und die Schweiz gilt. Auch diese Entwicklung prägt unsere Sterbewelten und auch sie fordert die Hospizbewegung und das, wofür sie steht und von Anfang angekämpft hat, heraus. Wenn weiterhin gilt, dass die Wünsche der Sterbenden im Zentrum stehen, dann müssen wir uns auch mit dem Wunsch nach der Beihilfe zur Selbsttötung auseinandersetzen. Mit einem solchen Prozess des Denkens und Diskutierens geht auch die Kritik an der Vereinseitigung der Wertedebatte zugunsten von Autonomie einher. Die Verletzlichkeit, Verwiesenheit und die Achtsamkeit als Grundlagen der (Palliative) Care Ethik kommen in dieser Ausgabe der hospizzeitschrift

Editorial

deutlich in den Blick. Letztendlich ist die Frage nach den Sterbe- welten auch eine Frage nach dem Menschenbild, das wir der Begleitung von Sterbenden in ihren letzten Lebenswelten zugrunde legen.

Schwerstkranke und Sterbende leben nach ihren Möglichkeiten und Bedarfen an privaten oder institutionellen Orten. Letztere mit innewohnenden Berufsgruppen, die sich der Lehre und wissensspendenden Disziplinen bedienen und oftmals gemeinsam mit ehrenamtlichen Helfer*innen bedarfsorientiert, fachlich und zutiefst menschlich Nähe und Unterstützung geben. Und so bleiben wir letztlich stets bei den Menschen (nicht bei den Orten und Systemen) – ohne die geht es in der Lebens- und Sterbebegleitung einfach nicht! Das ist wohltuend.