Verzicht auf Essen und Trinken am Lebensende – ein sensibles Thema in der Hospiz- und Palliativarbeit
Der Umgang mit Ernährung und Flüssigkeit am Lebensende gehört zu den besonders herausfordernden Themen in der Hospiz- und Palliativversorgung. Ein aktueller Fachbeitrag macht deutlich: Dieses Thema wird in der Praxis noch zu selten offen angesprochen – und es fehlt häufig an gezielter Schulung. Das kann zu unnötigem Leiden bei Sterbenden führen und auch zu Unsicherheiten oder Konflikten im Team sowie mit Angehörigen.
Ein zentrales Anliegen des Artikels ist es, ein besseres Verständnis dafür zu schaffen, dass der Rückgang von Hunger und Durst ein natürlicher Teil des Sterbeprozesses ist. Viele schwerkranke Menschen hören von selbst auf zu essen und zu trinken. Wichtig ist nach Cicely Saunders: Sie sterben nicht, weil sie nichts mehr zu sich nehmen – vielmehr nehmen sie nichts mehr zu sich, weil ihr Leben zu Ende geht.
Dennoch werden Patient:innen in der letzten Lebensphase häufig weiterhin künstlich ernährt oder erhalten Infusionen – oft aus dem verständlichen Wunsch heraus, „niemanden verhungern oder verdursten zu lassen“. In der Sterbephase kann dies jedoch belastende Symptome wie Atemnot, Übelkeit oder Wassereinlagerungen verstärken und damit das Leiden erhöhen.
Die Autoren empfehlen ein Umdenken: In der letzten Lebensphase steht nicht mehr die Lebensverlängerung im Vordergrund, sondern die Linderung von Beschwerden und das Wohlbefinden. Das bedeutet auch, medizinische Maßnahmen wie künstliche Ernährung oder Flüssigkeitsgabe sind kritisch zu hinterfragen und gegebenenfalls zu beenden. Stattdessen rücken pflegerische Maßnahmen – etwa Mundpflege oder Symptomkontrolle – in den Fokus.
Ein besonders sensibler Bereich ist der freiwillige Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit (FVNF). Dabei entscheiden sich Menschen bewusst dafür, ihr Leben durch den Verzicht auf Essen und Trinken zu verkürzen. Diese Entscheidung ist rechtlich zulässig und Ausdruck von Selbstbestimmung. Für Begleitende kann dies jedoch ethisch herausfordernd sein.
Der Artikel aus den Anästhesie Nachrichten: „Verhungern und Verdursten am Lebensende unter besonderer Betrachtung des freiwilligen Verzichts auf Nahrung und Flüssigkeit (FVNF)“ betont: Die Begleitung eines FVNF ist keine Form der Suizidhilfe, sondern kann als fürsorgliche, palliative Begleitung verstanden werden – mit dem Ziel, Beschwerden zu lindern und den Sterbeprozess so würdevoll wie möglich zu gestalten. Voraussetzung dafür sind eine gute Aufklärung, klare Kommunikation und eine enge Einbindung von Angehörigen.
Gerade für Koordinator:innen, Ehrenamtliche und Fachkräfte in Hospiz- und Palliativeinrichtungen bedeutet das:
- Gespräche über Essen, Trinken und Sterben sollten frühzeitig und offen geführt werden.
- Missverständnisse („verhungern lassen“) brauchen sensible Aufklärung.
- Sicherheit im Umgang mit Symptomen und ethischen Fragen ist entscheidend.
Der Beitrag macht deutlich, wie wichtig Wissen, Haltung und Kommunikation in diesem Themenfeld sind – und lädt dazu ein, sich im Team mit diesen Fragen auseinanderzusetzen, um Sterbende bestmöglich begleiten zu können.
Zum weiterlesen:
Expert:innenempfehlungen zum freiwilligen Verzicht auf Essen und Trinken im Sterbeprozess https://link.springer.com/article/10.1007/s44179-026-00350-5
