die hospiz zeitschrift – Ausgabe 89

Schwerpunktthemen:
Die Idee Advance Care Planning

17,00 

Erscheinungsdatum: 17.03.2021
 

Beschreibung

Liebe Leserinnen und Leser,

Dürfen wir fundamentalkritisch sein und trotzdem mit der Idee von Advance Care Planning (ACP) weiter voranschreiten? Die Spannbreite der Beiträge in diesem Heft zeigt, dass das möglich ist. Den Spagat auszuhalten ist das Eine, eine pragmatische Auseinandersetzung das Andere. Warum nicht? Wir leben in einer Welt voller Widersprüche und wollen (oder sollen?) doch solidarisch sein, wenn es darum geht, unser Leben, einschließlich Sterben, so gut wie möglich in den Blick zu nehmen. Wir können auch einfach fragen: Sind wir solidarisch mit den Menschen, die einem Gesetz folgen müssen, das mehr oder weniger ACP verlangt? 
2019 gab es bereits eine Ausgabe mit dem Schwerpunktthema Advance Care Planning und auch hier wurden sowohl kritische als auch praxisfreundliche Beiträge platziert. Zu erinnern ist auch an das Memorandum des wissenschaftlichen Beirats des DHPVs. Im Memorandum wird betont, dass es am Lebensende eben nicht allein um eine medizinische Behandlung (Palliativmedizin) geht, sondern um Palliative Care, das heißt Sorge um den ganzen Menschen einschließlich aller weiteren Lebensbereiche von Gesellschaft, Politik und Kultur.
Im Kern geht es bei der Umsetzung von ACP darum, sein Lebensende besser vorzubereiten. Mit dem Paragraphen 132 g SGB V können mit Einführung des neuen Hospiz- und Palliativgesetzes (HPG) nun zugelassene Pflegeeinrichtungen (nach SGB XI) und Einrichtungen der Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderungen (nach SGB XII) durch speziell geschulte und zertifizierte Gesprächsbegleiterinnen und -begleiter kassenfinanzierte gesundheitliche Versorgungsplanung für die letzte Lebensphase anbieten. Einfach formuliert: Versicherte sollen über Möglichkeiten ihrer medizinisch-pflegerischen, psychosozialen und spirituellen Versorgung und Begleitung am Lebensende von Experten und Expertinnen beraten werden.
ACP und GVP können bei ganzheitlichem Verständnis von (frühzeitiger) Beratung ein Katalysator für die Weiterentwicklung der Hospiz- und Palliativkultur in den Einrichtungen und von regionaler Vernetzung sein. Dialogische Gespräche sowie multiprofessionelle palliativ-ethische Konsile, in denen die schriftlichen Willensäußerungen und die aktuellen Bedürfnisse von schwer erkrankten Menschen im Mittelpunkt stehen, haben sich bewährt. Ihnen liegt ein Verständnis von sorgender Praxis zugrunde. Sie führen zu einer höheren Zufriedenheit bei den Betroffenen wie bei den Mitarbeitenden. Es besteht ein Bedarf rechtzeitig zu fragen, wenn denn gewünscht, was Menschen sich für ihre letzte Lebensphase zwischen möglicher Maximalversorgung und ausschließlicher Symptomlinderung bzw. grundlegenden psychosozialen sowie spirituellen Bedürfnissen vorstellen und wünschen. Am Ende des Lebens befinden sich Menschen in der Regel in Abhängigkeit von (fremder) Unterstützung, wie sonst nur noch zu Beginn des Lebens. Andererseits zieht sich die kritische Reflexion von Planbarkeit auf der einen und der Widersprüchlichkeit bzw. Ambivalenzen von Lebensprozessen auf der anderen Seite wie ein roter Faden durch die vielfältigen Beiträge. Die Vielfalt dieser Ausgabe ist der weitere Versuch Lebensprozesse in ihrer Diversität nicht zu vereinfachen oder zu vereinheitlichen, das heißt den Umgang mit hochkomplexen Situationen für alle zu standardisieren, sondern der Vielfalt, den Ambivalenzen von Leben und Lebenskrisen bis zum Schluss seriös und mit Würde zu begegnen. Nichtsdestoweniger werden sie Vorreiter*innen in der Praxis kennenlernen, die ihre regionalen Konzepte, ihre Curricula zur Qualifikation von Gesundheitlicher Versorgungsplanung, Notfallbögen (in einfacher Sprache) und Notfallplanungen beschreiben und gerne für andere Einrichtungen zur Verfügung stellen.
Idealerweise stoßen die Beiträge zum Mut zur Vielfalt an, zu eigenen Ideen und Initiativen (das darf auch ein Aufruf zum Widerstand sein). Das Herausgeber*innenteam hatte Freude an der Arbeit mit den Autor*innen und die Vielfalt an Beiträgen zu begleiten.