Wolken über der Schweiz

 

In der Schweiz gibt es zurzeit fünf Lehrstühle für Palliativmedizin; zwei in Lausanne, einen in Bern, einen in Genf und im Februar diesen Jahres wurde am Züricher Universitätsspital eine Assistenzprofessur für Palliativmedizin am Lehrstuhl für Radio-Onkologie ausgeschrieben. Prof. Dr. Gian Domenico Borasio, Leiter des Lehrstuhls für Palliativmedizin an der Universität Lausanne äußerte sich darüber in der Schweizerischen Ärztezeitung. Borasio sieht die Angliederung dieser Professur an einen Lehrstuhl für Radio-Onkologie als fachlich nicht sinnvoll an. Seine Gründe: in der Schweiz sterben 74% der Menschen nicht an einer Krebserkrankung. Diese Entwicklung werde sich aufgrund der Demographie (auch in der Schweiz) verstärken und die Sterbenden werden hochaltrig, multimorbid und oftmals dement sein. Krebserkrankungen, so Borasio, werden häufiger eine geringere Rolle spielen, weshalb er eine Angliederung an einen onkologischen Lehrstuhl als „suboptimal“ bezeichnete. Zudem griff er ein in der Medizin kritisches Thema auf: Ist das was machbar ist auch sinnvoll für den Patienten? Stichwort: Überversorgung! Borasio sieht hier einen möglichen Zielkonflikt zwischen Palliativmedizin und den Optionen der onkologischen Therapiemöglichkeiten. Er plädiert deshalb für einen unabhängigen  und akademisch selbstständigen Lehrstuhl für Palliativmedizin.

Diese Äußerung blieb nicht unbeantwortet.

Matthias Guckenberger, Jürg Hodler und Rainer Weber* aus Zürich wiesen diese Vorwürfe in einem Beitrag in der Schweizerischen Ärztezeitung zurück, die Argumentation erfordert vom Leser aber viel „good will“. Die Ansiedelung des neuen Lehrstuhls sei historisch gewachsen und umfasse keine inhaltliche Fixierung. Ein wissenschaftlicher, zukunftsorientierter Lehrstuhl unterliegt historisch gewachsenen Strukturen? Fragt sich, ob dies wirklich notwendig war. Zudem betonen die Autoren, dass alle Professoren und Assistenzprofessoren an der Universität Zürich unabhängig in Forschung und Lehre seien. Das gilt oder sollte für Wissenschaft und Universitäten grundsätzlich gelten und ist ein ehrwürdiges Ziel, aber es ist eben ein Ziel. Als wichtig erscheint uns die  Äußerung in diesem Beitrag, dass darauf hingewiesen wurde, dass universitäre Medizin und Forschung in Zukunft vermehrt auf finanzielle Unterstützung durch Stiftungen und engagierte BürgerInnen angewiesen sei. Stiftungen und Bürger mögen engagiert sein, aber haben sie nicht manchmal auch ihre Ziele?

Dieser Disput schaffte es bis  in die Neue Züricher Zeitung (NZZ). Dort kamen und weitere namhafte Palliativmediziner zur Sprache. Chefarzt Roland Kunz und Steffen Eychmüller, Lehrstuhlinhaber für Palliative Care in Bern, sehen es ähnlich wie Borasio: die Palliativmedizin und Palliative Care sollten eine übergeordnete Disziplin sein.

 

*Prof. Dr. Matthias Guckenberger, Klinikdirektor Klinik für Radioonkologie, Prof. Dr. Jürg Hodler, Ärztl. Direktor Universitätsspital Zürich, Prof. Dr. Rainer Weber, Dekan Medizinische Fakultät  Universität Zürich

Mein Warenkorb

Hinweis:
Ihr Warenkorb enthält momentan keine Produkte.