Würde bewahren – auch wenn das System drückt

Inhouse-Schulung nach Harvey Max Chochinov für den Palliativ- und Hospizalltag

Fachkräfte in der Hospiz- und Palliative-Care-Versorgung treten ihren Dienst meist mit einem klaren inneren Auftrag an: Menschen in ihrer verletzlichsten Lebensphase mit Würde, Menschlichkeit und tiefer Zugewandtheit zu begleiten. Doch die Realität im Gesundheitswesen sieht oft anders aus. Fachkräftemangel, hoher Dokumentationsaufwand und ökonomische Vorgaben erzeugen Spannungsfelder, in denen der eigene Anspruch schnell auf der Strecke zu bleiben droht. Wenn die Lücke zwischen dem berufsbiografischen Ideal und dem Versorgungsalltag dauerhaft zu groß wird, führt das oft zu Frustration, Erschöpfung oder gar dem Rückzug aus dem Beruf.

Daher die Frage: Wie lässt sich eine würdebewahrende Praxis leben und aufrechterhalten, ohne dass Fachkräfte an den systemischen Rahmenbedingungen aufreiben?

Eine aktuelle Pilotstudie der Deutschen Gesellschaft für Patientenwürde e. V. (Goebel, Gramm et al.) liefert darauf eine ermutigende Antwort. Sie evaluiert das Konzept einer 1,5-tägigen Inhouse-Schulung, die auf den Erkenntnissen des kanadischen Palliativmediziners Prof. Harvey Max Chochinov aufbaut. Das zentrale Ergebnis: Würdeorientierung ist keine zeitraubende Zusatzaufgabe, sondern eine innere Haltung und Praxis, die Teams entlasten und stärken kann.

Welch eine Nähe

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ISBN 9 783946 527763

Das ABCD der Würde: Ein Kompass für den Alltag

Im Zentrum des Schulungskonzepts steht das Modell „ABCD of Dignity in Care“. Es übersetzt den vielschichtigen Begriff der Menschenwürde in vier handlungsleitende Säulen, die sich direkt in den Arbeitsalltag übertragen lassen:

  • Attitude (Einstellung): Reflexion der eigenen Vorannahmen. Wie wir einem schwerstkranken oder sterbenden Menschen begegnen, hängt stark von unserem eigenen inneren Zustand ab. Wer sich der eigenen Brille bewusst wird, begegnet Patient:innen frei von unbewussten Bewertungen.
  • Behaviour (Verhalten): Würde zeigt sich im Kleinen. Ein bewusster Blickkontakt, das Hinsetzen auf Augenhöhe oder eine kleine Geste der Aufmerksamkeit signalisieren dem Gegenüber Wertschätzung und Akzeptanz.
  • Compassion (Mitgefühl): Anders als Mitleid erfordert echtes Mitgefühl das Wahrnehmen des fremden Leids bei gleichzeitiger Anerkennung der eigenen Verletzlichkeit. Hier wird die Brücke zur Selbstfürsorge geschlagen: Nur wer gut mit sich selbst umgeht, kann langfristig mitfühlend begleiten.
  • Dialogue (Gespräch): Kommunikation über das Medizinisch-Pflegerische hinaus. Ein zentrales Werkzeug ist hierbei die Patientenwürdefrage: „Was muss ich über Sie als Mensch wissen, um Sie bestmöglich zu versorgen?“ Sie rückt die Person mit ihrer Biografie wieder in den Mittelpunkt.

Der Mehrwert für Ihre Einrichtung und Ihr Team

  1. Gestärkte Selbstfürsorge und Burnout-Prophylaxe Der Kurs beleuchtet gezielt innere Antreiber, Stressmuster und die eigene Rollenkompetenz. Die Erkenntnis, dass Selbstfürsorge die Voraussetzung für professionelles Mitgefühl ist, entlastet Mitarbeitende spürbar von unheilsamen Schuldgefühlen.
  2. Echte Interprofessionalität auf Augenhöhe Die Evaluation zeigt: Der gemeinsame Denk- und Reflexionsraum für Pflegekräfte, Ärzt:innen, Seelsorgende, Psycholog:innen und Therapeut:innen stärkt das gegenseitige Verständnis. Es entsteht eine gemeinsame Sprache für ethische und zwischenmenschliche Fragen im Team.
  3. Praktische Handlungsansätze statt grauer Theorie Die Schulung verharrt nicht in akademischen Abstraktionen. Die Teilnehmenden erarbeiten am zweiten Tag konkrete, niederschwellige Vorhaben für ihre eigene Station oder ihr Hospiz – von der Einführung eines Biografiefragebogens über bewusstere Gesprächsführung bis hin zu kleinen Ritualen zur Selbstwürdigung im Schichtwechsel.
  4. Kulturwandel von innen heraus Als Inhouse-Format holt das Seminar das Team direkt in seiner Realität ab. Anstatt theoretische Vorgaben von außen zu importieren, wird die bestehende Einrichtungskultur gemeinsam im Hinblick auf würdestärkende Faktoren analysiert und weiterentwickelt.

Die Studienergebnisse auf einen Blick

Die Evaluation der Pilotkurse (u. a. an der Universitätsmedizin Mainz und dem St. Josef Krankenhaus Regensburg) belegt den Erfolg des Konzepts:

  • 91,3 % der Teilnehmenden verzeichneten einen deutlichen Wissenszuwachs beim Thema Würde als zentraler Wert im Gesundheitswesen.
  • 86,9 % erlangten konkrete Werkzeuge zur Stärkung des Würdegefühls von Patient:innen.
  • 86,9 % gaben die bestmögliche Bewertung bei der Frage ab, ob sie den Kurs Kolleg:innen weiterempfehlen würden.

Zusammenfassend ist Würdebewahrung ein wirksamer Schutzraum – für schwerstkranke Menschen ebenso wie für die Fachkräfte, die sie begleiten. Die wissenschaftlich begleitete Inhouse-Schulung zeigt, wie auch unter widrigen Rahmenbedingungen Räume für Menschlichkeit, Respekt und professionelle Zufuhr von Kraft geschaffen werden können.

Das Schulungskonzept wird deshalb aktuell überarbeitet. Künftig soll Selbstfürsorge deutlich mehr Raum erhalten. Die überarbeitete Version erscheint unter dem Titel „Würde – verstehen, bewahren, stärken“ und soll 2027 als Kursbuch veröffentlicht werden.

Zum Weiterlesen:

https://shorturl.at/FuFzN

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