Niederlande

 

In den Niederlanden gibt es ernsthafte Bestrebungen die Sterbehilfe auszuweiten. Die gesetzlich erlaubte Sterbehilfe soll zukünftig nun auch bei Kindern im Alter unter 12 Jahren möglich werden. Dies teilte der Gesundheitsminister Hugo de Jong im niederländischen Parlament mit.

Bisher war diese Altersgruppe von der gesetzlich geregelten Sterbehilfe ausgeschlossen. Der Hinweis des Ministers, die Kinder müssten ihre Einwilligung geben – lässt absolut nichts Gutes erahnen.

Das Gesetz soll dafür nicht geändert werden, allein die Strafverfolgung für Ärzte, die diese Sterbehilfe leisten werden, soll ausgesetzt werden. Bei Kindern soll als „Voraussetzung“ eine unheilbare Erkrankung vorliegen. Müssen wir hier ein „noch“ hinzufügen?

Aber es melden sich auch andere Stimmen in den Niederlanden.

Theo Boer, Professor für Gesundheitsethik an der Protestantisch-Theologischen Universität Groningen war neun Jahre Mitglied der niederländischen Prüfungskommission, die über die Rechtmäßigkeit von aktiver Sterbehilfe urteilt. Er gehört dieser Kommission nicht mehr an und wie er selbst in einem ZEIT-Interview betonte, sei er auch über dieses Ende erleichtert. Während seiner Tätigkeit als Mitglied der Prüfungskommission sei er zu dem Schluss gekommen, dass bei steigenden Anträgen in zunehmendem Maße Sterbehilfe nicht angebracht sei. Es habe sich etwas verschoben in den Niederlanden; ursprünglich sollten Menschen vor einem schrecklichen Sterben bewahrt werden, inzwischen wolle man sie von einem schrecklichen Leben erlösen.  In einem Interview im Deutschlandfunk äußerte er zudem, dass er glaube, das Angebot erzeuge die Nachfrage. Selbstbestimmtes Sterben sei für manche ein synonym für würdiges Sterben geworden. Aus Boers Sicht werde das „registrierte Sterben,“ wie er es nennt, zur Norm, denn er rechnet die palliative Sedierung zu diesem „registrierten Sterben“. Fünf Prozent der Menschen in den Niederlanden sterben laut ihm durch aktive Sterbehilfe und 20 Prozent durch palliative Sedierung.* Somit sterben aus seiner Sicht 25 Prozent der Menschen in den Niederlanden nicht mehr eines Todes ohne „Hilfe“.

Noch erschreckender sei die Zahl derjenigen, die nicht an einer unheilbaren tödlichen Krankheit, sondern am Leben leiden würden und deshalb aktive Sterbehilfe in Anspruch nehmen möchten, so Boer weiter. Das seien Menschen, die sogar noch Jahrzehnte leben könnten. Während des Interviews zitierte Deutschlandfunk eine Studie der Universität Utrecht, die besagt, dass viele Menschen zwischen 55 und 65 diesen Sterbewunsch hätten. Laut Boer führte diese Studie zu dem Gesetzesvorschlag der Liberalen im Parlament, dass grundsätzlich alle Menschen ab 70 Jahren, die lebensmüde seien, aktive Sterbehilfe beanspruchen könnten.

Boer kommentiert dies so: „Ich glaube, das hat viele von uns zum Nachdenken gebracht.“

Sollten wir darauf nicht antworten: „Erst jetzt?“

Mehr dazu, leider nur in Englisch, ein Interview mit Prof. Theo Boer auf YouTube:

*Boer stellt dabei die These auf, dass bei der palliativen Sedierung der Arzt den Menschen in ein Koma versetze, wo er innerhalb einer Woche sterbe.

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